Abschied

HorizontLange habe ich in der Rubrik „Was geht…“ nichts mehr geschrieben, nun ist es endlich so weit.

Dieses soll eine nachdenkliche Rubrik sein, so mit möchte ich auch dieses Mal etwas aus der Vergangenheit schreiben, was mich noch heute beschäftigt und nachdenklich macht.

Auch bei dieser Geschichte gehe ich zurück in das Jahr 2001, in den April/Mai des Jahres.

Ich möchte euch über den Tod eines Menschen berichten, den ich nur kurz – im Gegensatz zu anderen Menschen in meinem Bekanntenkreis – kannte, dafür beschäftigt mich sein nicht mehr Dasein bis heute.

Ich lernte Hendrik (er hatte den gleichen Vornamen wie ich) 2000 in einem Frisörladen kennen.
Er begann zu der Zeit gerade seine Ausbildung als Frisör.

Schon vom ersten Tag an, als ich ihn bei meinem Frisör sah, war er mir sehr sympathisch, er war ein freundlicher Mitarbeiter.
Das erste Mal kamen wir ins Gespräch als der Chef im Geschäft nach Hendrik rief und ich dachte, der Chef – wir kennen uns auch privat, da er ein Bekannter meiner Eltern ist – würde mich meinen.
Ich wunderte mich zwar, dass er was von mir wollte, aber ich ging zu ihm hin. Er klärte mich auf, dass sein neuer Auszubildender auch Hendrik heißen würde und er nach ihm gerufen hätte.
Als ich dann an der Reihe war u.a. zum Haare schneiden, sollte Hendrik mir etwas zu trinken bringen und die Vorbereitungen treffen.
So kamen wir ins Gespräch. Wir unterhielten uns zunächst nur über dies und das, was bei uns in der Nähe so passiert.

Je öfter wir uns in dem Frisör-Laden trafen, umso mehr vertieften wir unsere Gespräche, so kamen wir auch schnell zu privaten Themen.
Er erzählte mir von seiner Freundin, seinen oberflächlichen Problemen mit ihr, von seinen Freizeitaktivitäten und ich genauso von meinen.

Unser Kontakt wurde mit der Zeit immer besser, so dass wir ihn auch auf die rein private Ebene ausbauten. Wir trafen uns und gingen gemeinsam weg, soweit es mir damals mit 10 bis später 11-jähriger möglich war wegzugehen.
Wir wurden auf jeden Fall sehr gute Freunde, die sich viel anvertrauten.

Hendrik passte auf mich auf.
Dann passierte es im April 2001 (wir kannten uns zu der Zeit fast zwei Jahre), morgens – an einem Sonntagmorgen – um halb sechs gingen bei uns die Sirenen.

Ich hörte die Feuerwehr ausrücken. Noch am gleichen Tag erfuhr ich, dass es an dem Morgen ein paar Dörfer weiter von uns zu einem schweren Verkehrsunfall gekommen war, bei dem eine junge Person verstorben sein sollte.

Der Wagen sei in einer Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit aus dieser „geflogen“ und sei dann gegen einen Baum geprallt.
Eine männliche Person, der junge Fahrer des Kraftfahrzeuges und Fahranfänger sei noch an der Unfallstelle verstorben, eine weibliche schwer verletzt ins Krankenhaus gekommen.
Vermutlich sei Alkohol, neben der überhöhten Geschwindigkeit für den Unfall ein weiterer Faktor gewesen.
So stand es am nächsten Tag in der Regionalpresse.
Ich war erschrocken, doch da wusste ich noch nicht, wer der Fahrer des Autos war.

Einen Tag später schlug ich dann die Zeitung wieder auf, und wie es meine Art ist, las ich auch die vorletzte Seite mit den Todesanzeigen.
Ich konnte es nicht glauben, was ich da las. Dort stand der Name von Hendrik, seine Eltern hatten sie aufgegeben. Ich las die Anzeige wieder und wieder, da stand was von Autounfall und das Datum vom Sonntag, ich wollte es nicht glauben, doch er war es. – Er war also der junge Fahrer.

Ich war wie vor dem Kopf geschlagen und traurig.
Mir war es nicht verständlich, wie er es sein konnte und warum er sein sollte.
Da stand am Montag was von Alkohol, aber er trank nie am Steuer, da war/ bin ich mir sicher. Vielleicht fuhr er hier und da zu schnell, aber Alkohol? Ich konnte das nicht glauben.

Es ging mir durch den Kopf, wie es wohl seinen Eltern, seinem Bruder und seiner Freundin jetzt ginge.
Die ganze Zeit musste ich an ihn denken, wie er mich bediente beim Frisör, wenn wir was unternahmen und all das.

Meinen Eltern, meinen Freunden und Freundin erzählte ich gar nicht davon, wie traurig ich war. Sie hätten mich sicher verstanden, aber ich wollte es nicht, dass sie sehen, wie ich leide.

Die Schulwoche und Woche war eine graus für mich, die ganze Zeit musste ich an ihn, meinen Kumpel denken.
Wenn ich alleine war und mir sicher war, dies zu sein, weinte ich leise und dachte an ihn. Ich wusste nicht, wie ich die Zeit überstehen sollte. In dieser Woche, bzw. am Wochenende stand noch eine Fahrt mit unserem Sportkurs auf einem Segelschiff an.

Am liebsten hätte ich sie abgesagt und wäre nicht mitgefahren.
Aber ich bin es doch.

Wir mussten selber zu dem Segelschiff kommen. Da einige schon über 18 waren, war das auch kein Problem, da sie zu meist einen Führerschein besaßen.

So fuhren meine beste Freundin Melly, Janina und mit jemanden aus dem Kurs.
Sie fuhr auf der Autobahn sehr schnell und rasant. Eigentlich bin ich kein Mensch, der Angst vor schnellem Fahren hat, aber an diesem Freitag bekam ich Angst und musste mehr und mehr an Hendrik denken.
Ich wünschte mir auf der 90 Minutenfahrt sogar, dass uns das gleiche passiert.

Warum?
Ich weiß es nicht, ich wollte wohl bei ihm sein. Es sei noch mal gesagt, wir waren nur sehr, sehr gute Freunde.

Meine Freundin und Freunde bemerkten, dass mit mir etwas nicht stimmte, weil ich die ganze Fahrt sehr ruhig war, wie schon die ganze Woche, wer mich kennt, der weiß, was ich für einen Redeschwall haben kann und wie ich sonst agiere.

Doch noch sprachen sie mich nicht an.
Angekommen an Bord des Segelschiffes bezogen wir unsere Kabinen. Wir sollten erst am nächsten Morgen – das aber sehr früh, los segeln. Aus dem Grund und weil Melly, Janina und ich den Einkauf der Verpflegung übernommen hatten, mussten wir schon am Freitagnachmittag da sein. Janina, Melly, Deike und Aske also meine besten Freundinnen und ich teilten uns eine Kabine auf dem Schiff.

Ich begann mich sofort zurück zu ziehen. Zwar sind wir noch an dem Tag abends kurz um die Häuser um den Ankerplatz des Schiffes am Hafen gezogen, aber ich war nicht wirklich dabei.

Als wir gegen zehn Uhr abends wieder an Bord waren, zog ich mich um und joggte in der Hafennähe alleine. Ich besann mich wieder zurück und irgendwie kamen mir wieder die Tränen.

Melly, die sich sorgen um mich machte, weil ich so still war, lief wohl hinter mir her. Irgendwann holte sie mich ein.
Ich bin mir sicher, sie sah, dass meine Wangen feucht von den Tränen waren.
Sie fragte auch, was mit mir los sei, aber ich log sie an. Weil ich mir dachte, sie spielt auf die feuchten Wangen an, sagte ich, es sei schweiß gewesen, mehr nicht. (Männer weinen nicht) Das meine sie nicht, antwortete sie, ich sei so still.
Von mir kam nur, dass es mir wohl nicht gut gehe, und ich vielleicht etwas Angst habe, dass ich Seekrank werden könnte und wie peinlich es dann sei. Das war eine klare Lüge, denn ich segele selbst schon seitdem ich denken kann mit meinen Eltern, aber sie nahm es erstmal so hin.

Vielleicht muss ich dazu sagen, dass außer Janina niemand aus dem Freundeskreis dort Hendrik kannte.

Am Samstag segelten wir also los in Richtung dänische Südsee. Da wir einige Aufgaben an Bord zu erledigen hatten, konnte ich mich ablenken und habe hier und da sogar alles vergessen. Dennoch zog ich mich auch dort möglichst in jeder freien Minute zurück.

Angekommen auf einer kleinen Insel in Dänemark, ich glaube, sie nennt sich Lyö oder so ähnlich, machten wir uns zunächst auf zu dem Kaufmann, der passender Weise wohl wirklich Peter Petersen heißt, dort und zum Erkunden der kleinen Insel.

Zum ersten Mal in dieser Woche habe ich dann auch mal wieder gelacht und machte Späße, weil ich durch das Segeln und die Freunde um mich, in diesem Augenblick das Schicksal Hendriks vergessen habe, vielleicht auch verdrängte, denn ich war einfach so überdreht, obwohl ich das auch so oft bin, aber nicht in dieser Art.

Dann an dem Samstagabend saßen wir, der Sportkurs, mein Sportlehrer und ich zusammen an Bord des Schiffes.

Mausi, so nannten wir unseren Sportlehrer, holte seine Gitarre raus und spielte, zu über allem Überfluss, Balladen und andere von der Melodie traurige, nachdenkliche Lieder. Ich musste wieder an Hendrik denken.

Nach 15 Minuten konnte ich nicht mehr. Ich stand wortlos auf, man fragte zwar, was los sei, aber ich sagte, ich wolle schnell noch duschen gehen in den Duschen am Hafen und verließ das Schiff in Richtung Strand.

Ich wollte nur noch weg da, weil ich merkte, dass ich allein sein musste und mir die Tränen wieder kamen.

Nach ein paar Minuten war ich außer Sichtweite des Schiffes, an einem einsamen Stück Strand. Besucher, die vor uns auf der Insel waren, hatten dort noch ein Lagerfeuer nicht richtig ausgemacht. An dessen Glut, die noch brannte setzte ich mich hin.

Ich begann noch mal über alles nachzudenken, die Zeit wie und wo wir uns kennen lernten, was wir unternahmen, wenn wir uns trafen, an den Morgen mit den Sirenen, der Zeitungsbericht, die Anzeige und alles danach.

Mir wurde „kotz übel“, ich hätte mich wohl am liebsten übergeben, ich wurde innerlich wütend und ich musste richtig weinen.

Ich konnte nicht glauben, dass es ihn nicht mehr geben soll.

Wie gemein kann die „scheiß“ Welt sein, dass sie ein gerade 18-jährigen so aus dem Leben reißt.
Wie gemein ist die „beschissene“ Welt gegenüber seinen Eltern und seiner Freundin. Warum ist das so?

All die Fragen, die mir schon die ganze Woche durch den Kopf gingen, kamen auf einmal.

Ich bekam gar nicht mit, dass die Mädels, Mausi und der Kapitän mir gefolgt waren. Ihnen war aufgefallen, dass ich ohne Duschkram verschwunden war.

Da ich die ganze Zeit so wunderlich war, machten sie sich wohl Sorgen und suchten mich.
Nachdem sie mich dann auch nicht in der Dusche fanden, suchten sie wohl und fanden mich am Strand.

Melly, Mausi, der Kapitän und die Freundinnen sahen wohl die Tränen, vielleicht hörte man mich auch weinen, auf jeden Fall nahmen mich meine Freundinnen fest in den Arm und fragten was los sei, da ich die ganze Woche verstört erschien, nicht wie sonst war.

Ich versuchte mich raus zureden, aber bei den Mädels und dem Sportlehrer hat man keine Chance, sie bohrten nach, fragten, ob es an den Problemen mit dem Lateinlehrer liegen würde oder ob ich sonst Sorgen hätte.
Was denn nun los sei, man könne ihnen alles erzählen. Sie hatten ja Recht.

Also erzählte ich von Hendrik, Melly und Janina wussten zwar, dass er Tod war, aber ahnte nicht, dass es mich so schmerzte.

Wir zündeten das Feuer mit gesammelten Reissiech richtig an, den ganzen Abend bis sehr spät in die Nacht sprachen wir alle zusammen. Mausi und der Kapitän erzählten wie es ihnen ergangen sei, als sie gute Freunde verloren und meine Freundinnen waren einfach nur da und trösteten mich. Alle zusammen munterten mich auf, davon zu sprechen und ruhig zu weinen, ich sollte die Tränen nicht verstecken, weil es helfen sollte und es half.

Ich musste zwar die nächsten Tage, Wochen noch an ihn denken, aber ich wusste, dass Freunde da waren, die mich verstanden.
Noch heute denke ich an Hendrik und beim schreiben dieses Textes hatte ich einen dicken Klos im Hals, mir war schlecht, vielleicht kam mir auch die eine oder andere Träne über die Wangen…

Warum ich das schreibe, weil es mich noch immer beschäftigt, ich es noch immer nicht verstehen kann, es nicht will und es mir hilft darüber zu schreiben.

Diese Geschichte hat kein wirkliches Happyend, aber das sollte sie auch nicht. Sie sollte meine Gefühle ausdrücken und eine Erinnerung an Hendrik sein, dem ich menschlich sehr nahe stand.

Hendrik,
ich werde dich nie vergessen!
R.I.P. Hendrik
*1983 +2001

Euer
Hendrik